Bei
Gattels
''Üblicherweise
tragen Bürgerstiftungen die Bezeichnung
"Bürgerstiftung" auch in ihrem Namen und unterscheiden sich
dadurch erkennbar von anderen Stiftungen, welche zumeist Familiennamen
tragen. Die "Gattel-Stiftung" weicht aus einem besonderen Grund von
diesem Schema ab. In der Zeit, als sich in Deutschland das "Bürgertum"
auflöste,
(bzw. auflösen ließ), um in einer einzigen
"Volksgemeinschaft"
aufzugehen, forcierte die verbrecherische Staatsführung diesen
"Gemeinschaftsbildungs-Prozess" dadurch, dass sie Minderheiten als
"artfremd" etikettierte, um sie zunächst aus der neuen
"Volksgemeinschaft" auszugrenzen, ihnen im weiteren Verlauf, wie und wo
immer dies nur möglich war, ihre menschliche Würde
zu nehmen, um sie zuletzt in skrupellos-barbarischer Weise, unter
Einsatz industrieller Mittel zu ermorden.
Die "Gattel-Stiftung", - als "Bürger-Stiftung",
möchte mit dieser Namensgebung anregen, sich der Opfer so zu
"erinnern", wie sie sich wohl selbst gesehen haben mögen,
bevor sie zu Opfern herabgewürdigt wurden, - um sie so, - als
"Bürger" zu rehabilitieren.
"Den Namen
Gattel hörte ich zum
ersten Mal 1981 von Herrn Lux, dem damaligen Küster der
Stephanus
Gemeinde [Berlin-Wedding].
Er berichtete, dass die früheren Eigentümer der
Prinzenallee 58, die jüdischen Hutfabrikanten
Gebrüder
Gattel, ein hohes soziales Ansehen in der Umgebung genossen und das
Grundstück Prinzenallee 58 von den älteren
Menschen auch
heute noch [1981] "Bei Gattels" genannt
würde."
aus dem Brief an den Kreiskirchenrat
Berlin-Wedding vom 1.09.1989
Zunächst war ich positiv überrascht darüber,
dass der
Namen "Gattel" im alltäglichen Sprachgebrauch nach so langer
Zeit
noch präsent war. Die Tatsache jedoch, dass mein
Gesprächspartner das weitere Schicksal der Familie Gattel
betreffend, nicht über die geringste Information
verfügte,
befremdete mich sehr und hinterließ ein beklemmendes
Gefühl.
Vielleicht bestärkt durch den Satz aus dem Talmud, dass nur
der,
der vergessen ist, wirklich tot sei, entstand im Laufe der Zeit die
Idee zur Initiierung einer Stiftung, die den Namen der Familie Gattel
tragen sollte und die mit dem früheren Eigentum
(Grundstück)
dieser Familie als Stiftungsvermögen ausgestatten werden
sollte.
Um die Nachfahren darum um Erlaubnis zu bitten, wandte ich mich mit
einer schriftlichen Anfrage im Frühjahr 1988 an die
Jüdische
Gemeinde. - Leider ohne Erfolg, da über die Familie Gattel
auch
dort keine Informationen vorlagen.
Kaum sechs Wochen später kam es zu einer ebenso
überraschenden, wie freudigen Begegnung mit Frau Anni Wolff,
Tochter von Ella und Richard Gattel, heute wohnhaft in Israel.
In einem
Brief vom 01. Juni 1988 an den damaligen Bezirksbürgermeister
Jörg-Otto Spiller schildert Frau Wolff ihre
Eindrücke wie folgt:
"Am 20. Mai (1988) war mein Sohn, der bereits in Israel vor 50 Jahren
geboren wurde, vom Senat eingeladen, denn er wollte seine Wurzeln
kennen lernen.
Ich begleitete ihn. Wir besuchten
gemeinsam die
Prinzenallee 58 und sprachen mit einigen der jungen Menschen,
die
Wohnungen in den ehemaligen Fabrikräumen bewohnen.
Als
ich sagte,
daß ich dort einmal gewohnt habe, sprachen sie mich gleich
auf
meinen Mädchennamen an, was mich sehr berührte und
erstaunte.(...)
Die jungen Leute erzählen
mir, daß sie eine
Stiftung auf den Namen "Gebr. Gattel" ins Leben rufen möchten,
womit meine in Israel lebende Schwester Lotte Gabbe und ich uns
einverstanden erklärt haben.
Es
wäre uns eine große
Freude und Genugtuung - nach allem, was über uns
hereingebrochen
ist, - wenn der Name meiner Familie nicht ganz vergessen
würde."
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Hinter den nun beinahe schon
20 Jahre dauernden,
Bemühungen zur Gründung der "Gattel-Stiftung"
könnten
außen stehende Beobachter leicht nichts weiter als eine
"notorische" Sisyphusarbeit vermuten. (siehe dazu: Erinnerung;
von Theodor W. Adorno) Einerseits konnten zwar, unter Verweis auf diese Stiftungsidee,
zahlreiche Anlässe geschaffen werden, auch ohne deren
förmlichen Existenz, an die Geschichte der Familie Gattel zu
erinnern, doch würde auf Dauer nichts weiter als der fade
Beigeschmack der "Ungnade der späten Ablehnung"
zurück
bleiben, wenn es nicht zuletzt doch noch gelänge, die
"Gattel-Stiftung" einzurichten.
Die
Feier zur Stiftungsgründung fand am
1. Oktober 2003, im Cafe
Esscapade, im Hofgebäude der
Prinzenallee 58, dem Standort der ehemaligen Gebr.
Gattel-Hutfabrik statt.
Anni Wolff, die Tochter
des Berliner Hut-Fabrikanten Richard Gattel,
nahm als Erststifterin an der Gründungs-veranstaltung der Gattel-Stiftung
i.G. teil.
Das bisher erbrachte Stiftungskapital von 2.800€ reicht
für den formalen Eintrag als Stiftung noch nicht aus.
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